Eine zweite Chance für Schulverweigerer – „KEEP-sChOOL-Schulverweigerung – Die 2. Chance im Interview

Zum Ende des Jahres stellt die Bundesregierung die Projekte der 2. Chance ein. Diese Projekte widmen sich der Aufgabe Schulverweigerer wieder fit für den Unterricht zu machen. Um herauszufinden, was genau die 2. Chance macht und welche Auswirkung die Streichung dieser Projekte hat, sprach Marijke Höppner mit Michael Haddad, Koordinator und Leiter des ESF-Projektes „KEEPsChOOL – Schulverweigerung – Die 2. Chance in Tempelhof-Schöneberg“ und der Case Managerin Ulrike Braiger unterhalten.

Marijke Höppner:
Was genau ist 2. Chance?

Michael Haddad: Die 2. Chance ist ein Bundesprogramm des BMFSF, kofinanziert vom ESF und Bestandteil des Programms von Jugend Stärken. Das Programm richtet sich an aktive und passive Schulverweigerer und Schulverweigerinnen, deren einfachster Schulabschluss gefährdet ist. Ziel ist es, in den einzelnen Koordinierungsstellen diese ausgewählten Schülerinnen und Schüler ab 12 Jahren bis zum Beginn der letzten Klassenstufe der jeweiligen Kooperationsschule, individuell im Casemanagement (CM) zu betreuen und in der Regel innerhalb eines Jahres zu (re)integrieren, um ihnen im Zuge der Chancengleichheit, die Integration in sozialer, schulischer und beruflicher Hinsicht zu ermöglichen. Die Casemanagerin ist als Sozialpädagogin direkt täglich vor Ort in der Schule tätig. Sie, beziehungsweise er wird oft unterstützt durch weitere pädagogischer Mitarbeitende, wie zum Beispiel Werkpädagogen und -pädagoginnen, Erzieherinnen und Erzieher.

Marijke Höppner: Was genau machen die Jugendlichen bei Ihnen in der 2. Chance?

Michael Haddad:
Jugendliche unserer Koordinierungsstelle „KEEPsChOOL – Schulverweigerung – Die 2. Chance Tempelhof-Schöneberg werden im Case Management individuell unterstützt. Die Schülerinnen und Schüler besuchen weiterhin ihre Regelklasse, werden aber im sozialpädagogisch dahingehend begleitet, zum Beispiel die Ursachen von Schulverweigerung zu klären und aufzuarbeiten. Wir bieten Gesprächsangebote für Eltern, Schülerinnen und Schüler und Familienangehörige an, entwickeln berufliche Perspektiven, vermitteln weiter und begleiten in andere Fach- und Beratungseinrichtungen. Wir bieten im Besonderen ein außerschulisches werkspädagogisches Angebot in den Räumen unserer erfolgreichen Jugendmanufaktur des DWTS, einer Jugendhilfeeinrichtung, die im Rahmen der Tagesgruppe nach § 32 SGB VIII gefördert wird, an. Sie betreut an einem außerschulischen Standort in der Nähe der Kooperationsschule in der Rathaussstraße 29, 30 jugendliche, schuldistanzierte Schülerinnen und Schüler aus Tempelhof-Schöneberg und ganz Berlin. Im Rahmen von CM existierte eine enge Zusammenarbeit unter den involvierten Akteurinnen und Akteuren, wie Schulleitung, Lehrkräften, Schulpsychologie, Jugendhilfe, soziale Fachdienste und Netzwerkpartner. Wichtige Aufgaben im Rahmen des CM sind die Erstellung individueller Förderpläne und Unterstützungsangebote sowie die Erfolgskontrolle.
Marijke Höppner: Was würde passieren, wenn die 2. Chance nicht mehr in Tempelhof-Schöneberg angesiedelt wäre?

Michael Haddad:
Dazu habe ich mich mit der Schulleitung der 7. ISS, Frau Weimar, ausgetauscht und sie hat mehrere mögliche Folgen benannt.
Die Zahl der schuldistanzierten Jugendlichen würde höchstwahrscheinlich wieder spürbar steigen. Unakzeptables Sozialverhalten im Schulalltag würde wieder verstärkt auftreten. Schulabschlüsse wären erneut gefährdet; Insgesamt wäre eine Verschlechterung der Schulsituation zu erwarten. Die Schulabbrecherquote würde wieder spürbar steigen. Folgeprobleme könnten auftreten und sich verstärken (Bsp. Jugendkriminalität).

Ulrike Braiger: Dann wären diese Schüler und Schülerinnen, die einer intensiven Betreuung bedürfen wieder im „luftleeren Raum“. Schulsozialarbeit mit den personellen und zeitlichen Ressourcen, wie sie an Schule arbeiten können – auch auf Grund ihrer pädagogischen Ausrichtung – kann sich der speziellen und umfassenden Problemlage nur bedingt annehmen. Daher muss dieses wichtige und erfolgreiche bisherige Angebot der 2. Chance unbedingt aufrechterhalten werden, damit wir die Schülerinnen und Schülern nicht vor den Kopf stoßen und sie mit ihren Problemen alleine lassen, wenn sie es am Dringendsten brauchen. Die jahrelange und kontinuierliche Vertrauensarbeit steht auf dem Spiel. Auch die Lehrkräfte fürchten ein erneutes konfliktträchtigeres Klima in ihren Klassen, was mit negativer Gruppendynamik einhergeht. Denn Schulverweigerer und Schulverweigerinnen sind oft auch Leistungsverweiger, denen der Spaß am Lernen erst wieder mühevoll beigebracht werden muss. Dies ist die Aufgabe der Koordinierungsstellen und Case Manager und Managerinnen vor Ort. Das dürfen wir nicht gefährden. Die Schülerinnen und Schüler haben ihre 2. Chance verdient!

Marijke Höppner:
Warum sind die Projekte erforderlich?
Michael Haddad: Auch dazu habe ich mit der Schulleitung, Frau Weimar an unserer Partnerschule ausgetauscht. Frau Weimar gibt beispielsweise an, dass ihre Lehrkräfte nicht mehr in der Lage wären in dieser besonderen intensiven Form mit Schülerinnen und Schülern zu arbeiten. In der Folge werden eventuell auch Probleme und verstärkte Konflikte in den Schulen und Klassen entstehen, da Verweigerer und Verweigerinnen auch die anderen Schülerinnen und Schüler ablenken und negativ beeinträchtigen. Infolge verschlechtert sich das Klassen- und Schulklima.

Marijke Höppner:
Warum sind Projekte für schuldistanzierte Jugendliche erforderlich?

Michael Haddad:
Da schuldistanziertes Verhalten – aktives oder auch passives – in der Regel nicht „über Nacht“ auftritt und daher ein längere Vorlaufzeit hat, ist auch eine präventive Intervention zwingend erforderlich. Die Erfahrung, dass wir bei Schulverweigerern und Schulverweigererinnen häufig unterschiedliche multikomplexen, familiären und außerfamiliäre Problemkonstellationen vorfinden, macht die umfassende und frühzeitige Aufarbeitung der Problemlage und die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem CM beziehungsweise der Case Managerin unabdingbar. Verschiedene Risikofaktoren, z.B. in der Familie oder im sozialen Umfeld, in der Peergroup, personennahe Faktoren, wie auch Schule selbst oder die Gesellschaft können Ursachen für Schulverweigerung sein. Ca. 8% eines Jahrgangs in Deutschland verlassen die Schule ohne Abschluss. Um die Senkung der Anzahl dieser Schülerinnen und Schüler zu erreichen und die Vermittlung vor allem sozialer Kompetenzen zu ermöglichen, ist es notwendig , so früh wie möglich die Schülerinnen und Schüler individuell zu unterstützen- aber auch im Zuge der verstärkten Elternarbeit, die erzieherischen Kompetenzen der Eltern zu fördern – z.B. durch individuelle Unterstützung und Beratung im häuslichen Rahmen. Je früher die Jugendlichen aufgefangen werden- vor allem an den biografischen Sollbruchstellen, wie z. B. der Übergänge von Grundschule zur Sekundarschule, desto größer die Erfolgsquote zum Erreichen eines Schulabschlusses.