Archiv für Juni 2013

Eine zweite Chance für Schulverweigerer – „KEEP-sChOOL-Schulverweigerung – Die 2. Chance im Interview

Zum Ende des Jahres stellt die Bundesregierung die Projekte der 2. Chance ein. Diese Projekte widmen sich der Aufgabe Schulverweigerer wieder fit für den Unterricht zu machen. Um herauszufinden, was genau die 2. Chance macht und welche Auswirkung die Streichung dieser Projekte hat, sprach Marijke Höppner mit Michael Haddad, Koordinator und Leiter des ESF-Projektes „KEEPsChOOL – Schulverweigerung – Die 2. Chance in Tempelhof-Schöneberg“ und der Case Managerin Ulrike Braiger unterhalten.

Marijke Höppner:
Was genau ist 2. Chance?

Michael Haddad: Die 2. Chance ist ein Bundesprogramm des BMFSF, kofinanziert vom ESF und Bestandteil des Programms von Jugend Stärken. Das Programm richtet sich an aktive und passive Schulverweigerer und Schulverweigerinnen, deren einfachster Schulabschluss gefährdet ist. Ziel ist es, in den einzelnen Koordinierungsstellen diese ausgewählten Schülerinnen und Schüler ab 12 Jahren bis zum Beginn der letzten Klassenstufe der jeweiligen Kooperationsschule, individuell im Casemanagement (CM) zu betreuen und in der Regel innerhalb eines Jahres zu (re)integrieren, um ihnen im Zuge der Chancengleichheit, die Integration in sozialer, schulischer und beruflicher Hinsicht zu ermöglichen. Die Casemanagerin ist als Sozialpädagogin direkt täglich vor Ort in der Schule tätig. Sie, beziehungsweise er wird oft unterstützt durch weitere pädagogischer Mitarbeitende, wie zum Beispiel Werkpädagogen und -pädagoginnen, Erzieherinnen und Erzieher.

Marijke Höppner: Was genau machen die Jugendlichen bei Ihnen in der 2. Chance?

Michael Haddad:
Jugendliche unserer Koordinierungsstelle „KEEPsChOOL – Schulverweigerung – Die 2. Chance Tempelhof-Schöneberg werden im Case Management individuell unterstützt. Die Schülerinnen und Schüler besuchen weiterhin ihre Regelklasse, werden aber im sozialpädagogisch dahingehend begleitet, zum Beispiel die Ursachen von Schulverweigerung zu klären und aufzuarbeiten. Wir bieten Gesprächsangebote für Eltern, Schülerinnen und Schüler und Familienangehörige an, entwickeln berufliche Perspektiven, vermitteln weiter und begleiten in andere Fach- und Beratungseinrichtungen. Wir bieten im Besonderen ein außerschulisches werkspädagogisches Angebot in den Räumen unserer erfolgreichen Jugendmanufaktur des DWTS, einer Jugendhilfeeinrichtung, die im Rahmen der Tagesgruppe nach § 32 SGB VIII gefördert wird, an. Sie betreut an einem außerschulischen Standort in der Nähe der Kooperationsschule in der Rathaussstraße 29, 30 jugendliche, schuldistanzierte Schülerinnen und Schüler aus Tempelhof-Schöneberg und ganz Berlin. Im Rahmen von CM existierte eine enge Zusammenarbeit unter den involvierten Akteurinnen und Akteuren, wie Schulleitung, Lehrkräften, Schulpsychologie, Jugendhilfe, soziale Fachdienste und Netzwerkpartner. Wichtige Aufgaben im Rahmen des CM sind die Erstellung individueller Förderpläne und Unterstützungsangebote sowie die Erfolgskontrolle.
Marijke Höppner: Was würde passieren, wenn die 2. Chance nicht mehr in Tempelhof-Schöneberg angesiedelt wäre?

Michael Haddad:
Dazu habe ich mich mit der Schulleitung der 7. ISS, Frau Weimar, ausgetauscht und sie hat mehrere mögliche Folgen benannt.
Die Zahl der schuldistanzierten Jugendlichen würde höchstwahrscheinlich wieder spürbar steigen. Unakzeptables Sozialverhalten im Schulalltag würde wieder verstärkt auftreten. Schulabschlüsse wären erneut gefährdet; Insgesamt wäre eine Verschlechterung der Schulsituation zu erwarten. Die Schulabbrecherquote würde wieder spürbar steigen. Folgeprobleme könnten auftreten und sich verstärken (Bsp. Jugendkriminalität).

Ulrike Braiger: Dann wären diese Schüler und Schülerinnen, die einer intensiven Betreuung bedürfen wieder im „luftleeren Raum“. Schulsozialarbeit mit den personellen und zeitlichen Ressourcen, wie sie an Schule arbeiten können – auch auf Grund ihrer pädagogischen Ausrichtung – kann sich der speziellen und umfassenden Problemlage nur bedingt annehmen. Daher muss dieses wichtige und erfolgreiche bisherige Angebot der 2. Chance unbedingt aufrechterhalten werden, damit wir die Schülerinnen und Schülern nicht vor den Kopf stoßen und sie mit ihren Problemen alleine lassen, wenn sie es am Dringendsten brauchen. Die jahrelange und kontinuierliche Vertrauensarbeit steht auf dem Spiel. Auch die Lehrkräfte fürchten ein erneutes konfliktträchtigeres Klima in ihren Klassen, was mit negativer Gruppendynamik einhergeht. Denn Schulverweigerer und Schulverweigerinnen sind oft auch Leistungsverweiger, denen der Spaß am Lernen erst wieder mühevoll beigebracht werden muss. Dies ist die Aufgabe der Koordinierungsstellen und Case Manager und Managerinnen vor Ort. Das dürfen wir nicht gefährden. Die Schülerinnen und Schüler haben ihre 2. Chance verdient!

Marijke Höppner:
Warum sind die Projekte erforderlich?
Michael Haddad: Auch dazu habe ich mit der Schulleitung, Frau Weimar an unserer Partnerschule ausgetauscht. Frau Weimar gibt beispielsweise an, dass ihre Lehrkräfte nicht mehr in der Lage wären in dieser besonderen intensiven Form mit Schülerinnen und Schülern zu arbeiten. In der Folge werden eventuell auch Probleme und verstärkte Konflikte in den Schulen und Klassen entstehen, da Verweigerer und Verweigerinnen auch die anderen Schülerinnen und Schüler ablenken und negativ beeinträchtigen. Infolge verschlechtert sich das Klassen- und Schulklima.

Marijke Höppner:
Warum sind Projekte für schuldistanzierte Jugendliche erforderlich?

Michael Haddad:
Da schuldistanziertes Verhalten – aktives oder auch passives – in der Regel nicht „über Nacht“ auftritt und daher ein längere Vorlaufzeit hat, ist auch eine präventive Intervention zwingend erforderlich. Die Erfahrung, dass wir bei Schulverweigerern und Schulverweigererinnen häufig unterschiedliche multikomplexen, familiären und außerfamiliäre Problemkonstellationen vorfinden, macht die umfassende und frühzeitige Aufarbeitung der Problemlage und die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem CM beziehungsweise der Case Managerin unabdingbar. Verschiedene Risikofaktoren, z.B. in der Familie oder im sozialen Umfeld, in der Peergroup, personennahe Faktoren, wie auch Schule selbst oder die Gesellschaft können Ursachen für Schulverweigerung sein. Ca. 8% eines Jahrgangs in Deutschland verlassen die Schule ohne Abschluss. Um die Senkung der Anzahl dieser Schülerinnen und Schüler zu erreichen und die Vermittlung vor allem sozialer Kompetenzen zu ermöglichen, ist es notwendig , so früh wie möglich die Schülerinnen und Schüler individuell zu unterstützen- aber auch im Zuge der verstärkten Elternarbeit, die erzieherischen Kompetenzen der Eltern zu fördern – z.B. durch individuelle Unterstützung und Beratung im häuslichen Rahmen. Je früher die Jugendlichen aufgefangen werden- vor allem an den biografischen Sollbruchstellen, wie z. B. der Übergänge von Grundschule zur Sekundarschule, desto größer die Erfolgsquote zum Erreichen eines Schulabschlusses.

Friedenau zeigt Gesicht gegen Rechts

Gesicht zeigen gegen Rechts

Auf Einladung der SPD- Fraktion der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Tempelhof- Schöneberg diskutierten am Dienstag, den 28. Mai 2013 mehr als 50 Friedenauerinnen und Friedenauer über Strategien gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Anlass war eine gehäufte Zahl von rechtsextremistische Aktionen gegen Friedenauer Bürgerinnen und Bürger, die sich für die Erinnerung an den Holocaust einsetzen. Bezirksbürgermeisterin Schöttler stellte den Rechtsextremismusbericht des Bezirks vor. Siehe hierzu auch Seite 2 der aktuellen TSaktuell.

Zunächst stellte Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler den Rechtsextremismusbericht des Bezirksamts Tempelhof- Schöneberg vor. Sebastian Wehrhahn von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus (mbr), wies auf die Notwendigkeit zivilgesellschaftlichen Engagements hin und erläuterte zusätzliche Handlungsansätze. In ihrem Schlusswort unterstrich SPD- Fraktionsvorsitzende Elke Ahlhoff die gemeinsame Vorgehensweise von Politik und Zivilgesellschaft und sagte ein anhaltendes Engagement der SPD- Fraktion gegen Rassismus zu. Durch die mehr als 2- stündige Diskussion führte die Bezirksverordnete Marijke Hoeppner, die sich abschließend herzlich beim Nachbarschaftsheim Schöneberg, vertreten durch den Geschäftsführer Georg Zinner, für die Unterstützung. Die Veranstaltung fand in den Räumen des Nachbarschaftsheim in der Friedenauer Rheinstraße statt.

Rede zur Drs. 0558/XIX Registerstelle in Tempelhof-Schöneberg einrichten

Sehr selten veröffentliche ich Reden online. Dies liegt vorallem daran, dass die Rede im Plenum der Bezirksverornetenversammlung Tempelhof-Schöneberg laut geschäftsordnung frei gehalten werden müssen. Meine Überlegungen für die Rede zur Einrichtung einer bezirklichen Registerstelle möchte ich ausnahmsweise gern online stellen.

Rede zur Drs. 0558/XIX Registerstelle in Tempelhof-Schöneberg einrichten von Marijke Höppner:

Sehr geehrte Vorsteherin,
meine Damen und Herren,

gern möchte ich hier heute begründen, warum die SPD-Fraktion sich für eine Registerstelle in Tempelhof-Schöneberg einsetzt. Diese, von freien Trägern geführten, Sammelstellen für rechte, rassistische, antisemitische und heterosexistischen Aktivitäten, bieten eine wichtige Grundlage der organisierten Zivilgesellschaft und der Stärkung der Kieze in den Bezirken.
Um zu erklären, warum eine Registerstelle sinnvoll ist, empfiehlt es sich aber einen Blick in den Rechtsextremismusbericht für Tempelhof-Schöneberg in dieser Tagesordnung zu werfen, um dann zu schauen, wie die Registerstelle selbst ausgestaltet sein sollte. Letztendlich möchte ich gern eine kurze Anmerkung zum Ersetzungsantrag der CDU machen.
1.) Zahlengrundlage
In Tempelhof-Schöneberg gab es laut LKA 2010 81 politisch motivierte Straftaten mit einer steigenden Tendenz zu 2011. Damit gehören wir zu den Bezirk mit einem mittleren Fallaufkommen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Propagandadelikten. Tatverdächtige sind vor allem erwachsene Männer. Die Opfer wurden attackiert und aufgrund ihrer Hautfarbe, Nationalität oder politischer Einstellung beleidigt. Religion und sexuelle Identität werden auch zum Anlass genommen, die demokratisch gewährte Freiheit, sich zu entfalten, in Frage zu stellen.
Wichtig sind auch die Zahlen der Opferberatungsstelle Reach Out. Dort melden sich häufig Menschen hin, die Beratung nach rechten Angriffen benötigen, sich aber von der Polizei nicht ausreichend unterstützt fühlen. Dort wurden 10 Angriffe für unseren Bezirk im Jahr 2011 gezählt. In der Ausstellung „Tatorte“, die im Foyer des Rathaus gezeigt wurde, wurde deutlich, wie alltäglich die Tatorte rechter Gewalt waren: S-Bahnstationen, der Supermarkt um die Ecke, die Grünanlage,…
Rechte Parteien gründeten sich im Bezirk. Pro Deutschland begann gegenüber von uns im Kennedy Grill, die NPD tagte in Kneipen in Mariendorf und Marienfelde. Regelmäßig finden sich Schmierereien. Auffällig ist in letzter Zeit die Häufung rechter Aktivitäten in Friedenau. Dort finden sich Schmierereien an Gebäuden sozialer und kultureller Einrichtungen, an dem arabischen Frauenprojekt Al Nadi, dem türkischen Frauenprojekt Kidöb und einem muslimischen Kulturzentrum sowie die Schändung von Stolpersteinen und einer Stolperschwelle durch Schwärzungen. Auch, wenn Schmierereien wie kleinere Propagandadelikte wirken, dürfen sie nicht zum Normalzustand im Stadtbild werden. Denn so gelangen sie von den Wänden in die Köpfe.
Dass die rechten Aktivitäten eine neue Qualität gewonnen haben, zeigt der persönliche Angriff auf die Wohnung der Sprecherin der Stolpersteininitiative Stierstraße. Ein feiger Einschüchterungsversuch wurde vorgenommen, als nachts die Wohnungstür von Petra Fritsche mit den Worten „Vorsicht, Jugendfreundin“ besprüht und mit einem Sylvester-Böller versucht wurde, ihren Briefkasten in die Luft zu sprengen.
Menschen wie Petra Fritsche stechen durch Engagement heraus. Sie sind für Neonazis und Rassistinnen Angriffsfläche und sollten geschützt werden. Ihr Engagement ist ehrenwert und sollte unterstützt werden. Sehr begrüße ich deshalb den Anruf von Angelika Schöttler bei Frau Fritsche, um ihr Solidarität und Unterstützung zuzusprechen.
Viele andere Menschen engagieren sich auch gegen Rassismus, Antisemitismus und Heterosexismus. Erwähnenswert sind hier die spontanen und geplanten Demonstrationen in Marienfelde gegen die NPD, in Friedenau nach dem Angriff auf den Rabbiner Daniel Alter und immer wieder im Schöneberger Norden nach Übergriffen auf queere, insbesondere transidentitäre Menschen.

2.) Die Registerstellen
Die Registerstellen selbst bieten eine Möglichkeit, das Engagement vieler Menschen zu bündeln. Koordiniert durch einen freien Träger, werden Anlaufstellen im Bezirk eingerichtet. Nachbarschaftsheime, Jugendfreizeiteinrichtungen, Schulen, soziale Projekte und viele weitere Standorte können aufgesucht werden, um rassistische, antisemitische und heterosexistische Ereignisse aller Art zu melden. Die Hemmschwelle wird genommen, die Polizei aufsuchen zu müssen. Taten, die unterhalb des Straftatbestands liegen, können in die Statistik eingebracht werden und so kann ein gesellschaftlicher Diskurs in Gang gesetzt werden.
Weitergeleitet werden die Informationen an eine Sammelstelle, die regelmäßig Berichte erstellt. Bezirke wie Treptow-Köpenick, Lichtenberg, Pankow und Marzahn-Hellersdorf haben schon Registerstellen. In diesen Bezirken ist die Datenerfassung sehr dicht. Polizeistatistik und Registerstellen ergänzen sich und können so Gefahrenpotenziale leichter ermitteln und gezielt helfen. In den Westbezirken gibt es weniger Datenmaterial. Fachberatungsstellen und -projekte mahnen dies regelmäßig an, da deshalb rechtsextreme Potenziale kaum entdeckt und früh auf sie reagiert werden kann. Wie dramatisch und schnell sich rechte Potenziale entwickeln, sehen wir derzeit in Friedenau. Eine Registerstelle hätte hier ein Frühwarnsystem sein können.
Die Registerstellen sind zudem vernetzt. Durch das Filialprinzip im Bezirk stehen Sie im regelmäßigen Kontakt mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen. Eine Vernetzungsgruppe der Registerstellen ermöglicht die Vergleichbarkeit der Arbeit und bietet die Chance zum Austausch auf der Fachebene.

3.) Die CDU und der Ersetzungsantrag:
Kurz möchte ich noch Stellung nehmen auf den Ersetzungsantrag der CDU. Hier werden diverse Begrifflichkeiten in den Antrag gemengt, die darin nichts zu suchen haben. Es geht um Religion, Linksextremismus und sonst welche „Feindlichkeiten“. An diesem Sammelsurium lässt sich erkennen, dass die CDU bis heute keinen gesunden Umgang mit dem Themenfeld Rechtsextremismus bekommen hat. Eine Anerkennung, dass Rechtsextremismus grundsätzlich falsch ist und die Schreckenszeit der NS-Diktatur unvergleichbar dasteht, findet nicht statt. Stattdessen kann man sich die Uhr nach dem „Linksextremismus“-Reflex stellen, der leider bis heute keine wissenschaftliche Definition gefunden hat und im universitären Bereich belächelt wird. Gefüllt wurde der Begriff durch die Bundesregierung mit Inhalten, die einen besonders stark ausgeprägten Marxismus, Antimilitarismus oder Antifaschismus beinhalten. Mit diesen Worten beschreibt sich jeder Jusos in der SPD und viele Genossinnen und Genossen zu Recht heute noch. Warum diese Positionen zu Gewalt führen sollten, ist mir schleierhaft. Bisher standen gewalttätige Übergriffe durch die SPD- Fraktion in der BVV aus. Ich denke das bleibt so!
Ich empfehle Ihnen die Annahme der Drucksache 0017/XIX. Und wünsche – mit einem Blick nach Rechts – eine hoffentlich nicht zu berechenbare Diskussion.